In Sachen Social Media
Wir waren da - wir sind nicht mehr ... (dort)
![]() |
| Profil, Paganinisberlin, Twitter |
11 Jahre Social Media (zunächst Twitter, später Bluesky) sind das nun, die es nach und nach aus dem Pelz zu schütteln gilt. Es begann für uns ohne jede Erwartung und ohne Konzept, Twitter wurde dann spätestens in der Corona-Zeit zu einer Art "Kneipen-Ersatz", in der sich wiederum bierernste Menschen zeigten, die sich gegenseitig niedermachten, um zu überleben (?) und irgendwann zauberte dann jemand irgendwo unser 10 Jahre altes Buch "Sehnsucht" aus dem Hut (übrigens mit MeeToo-Stories VOR #MeeToo) und uns ward ganz sonderbar. Damit begann ein "Höhenflug" von Paganini`s Berlin, hinein in diverse Diskussionen, die da waren: "Lohnt es sich, wenn man sich an diese Redaktion ranschmeißt, oder lohnt es nicht." Es lohnte letztlich nicht, wir sind gegangen (worden), viele andere nicht. Soweit der Stand der Dinge.
Wir freuen uns, freuen uns herzlich, dass wir uns wieder an die Zeit erinnern, die auch ohne Social Media einen irgendwie gearteten Horizont aufwies, bedanken uns artig (und jawohl, mit Freude) für all die Erfahrungen in jener schrägen Welt. Einer Welt, von der wir gar nicht überzeugt werden konnten und einer Welt, die wir für die Kunst - vornehmlich den Literaturbetrieb - nicht wirklich glückbringend empfinden. Die große Chance, auf SoMe am Mainstream vorbei kramen zu können, wird hier kaum ergriffen. Neugierde auf (im wahrsten Sinn des Wortes) unerhörte, extravagante, tollkühne Literatur findet sich so gut wie nicht. (Zumindest nicht außerhalb mancher Verlags-Seiten.) Die strenge Hierarchie des Betriebs wird übernommen, vielleicht umverteilt, um sogleich erneut im Stechen und Hauen den eigenen Platz zu sichern.
Für diesen Zweck gibt es durch SoMe-ExpertInnen aufbereitete Propaganda (verkaufsfördernd immer: Feminismus, Antifaschismus, Queer etca.), durchschaubares sowie wohliges "Wir-sind-Mehr"-Marketing, Lobbyismus und stete Ausbreitung der Parole:
"Das ist ein Meisterwerk!"
(Wohlgemerkt ist gegen Antifaschismus, Feminismus und queere Thematik wahrlich nichts einzuwenden, aber die Plakette allein macht noch keine Kunst. Und: diese Themen sind, Gott sei Dank, in der Literatur tatsächlich nicht erst seit Social Media zu finden. Und: Literatur verweigert sich manchmal sehr gerne und sehr gut vereinfachenden Schubladen oder Etikettierungen.)
Die Kriterien jubelnder (teils vor Veröffentlichung unter das willige Volk gebrachten!) Beurteilungen werden leider nicht näher reflektiert, benannt, bedacht, denn - letztlich - ist das ja alles ganz egal, die SoMe-Neo-Kapitalismus-Maschine muss sich einfach weiter drehen ...
Jawohl: Sie funktioniert und dreht und weitet sich aus. Das Schneeball-System aus gegenseitigem hype-up klappt einwandfrei.
Natürlich wird auf der großen SoMe-Party vieler Einflussreicher gänzlich geleugnet, dass es sehr wohl um Geschäft und um Macht geht und keineswegs um puren Idealismus. Eine reflektierende, interne Auseinandersetzung findet so nicht statt oder läuft, falls von Außen forciert, ins Leere. Wirkliche Debatten werden zerschlagen. Folgende Adjektive erzielen hierbei als Totschlagsargumente IMMER ihre Wirkung: "misogyn", "faschistoid", "homophob".
Um solchermaßen geoutet zu werden reicht es, dass beispielsweise Literaturkritiker (m/w/d) einer überregionalen Zeitung mit Skepsis auf eine Preisvergabe schauen, in der ein Buch gewinnt, das der Literatur-Bubble (z. B. auf Bluesky) nahe steht. Auf Argumente der Rezensionen wird nicht eingegangen, der Holzhammer moralischer Empörung zerstört jede Diskussion zum Thema, das eigentlich der Literaturbetrachtung zugeordnet werden sollte. (Ganz nebenbei geschieht durch den inflationären Gebrauch der Begriffe Misogynie, Faschismus oder Homophobie großes Unrecht, denn so harmlos ist das damit Bezeichnete in der Regel nicht gemeint.)
Die "künstlerische" Echokammer wird damit zum sektiererisch anmutenden, humorbefreiten (und leider oft auch kunstbefreiten!) Einheitsbrei, der ziemlich gnadenlos gegen andere Stimmen vorgeht. Frau, man, maus sprechen "nice" miteinander, doch wehe die Zustimmung erfolgt nicht im Gleichtakt chinesischer Winkekatzen. Dann erinnert der Ton sehr rasch an die letzte Sequenz des Klassikers "Die Körperfresser kommen" mit Donald Sutherland. Gruppenzwang pur!
Es ist leider schwierig, nicht wie die missgünstigen Störer einer (Privat-)Party zu wirken, wenn man die dortige Literatur-Bubble hinterfragt. Nicht zuletzt liegt das in der, permanent zur Anwendung kommenden, Strategie der Ausgrenzung begründet, die radikal "Fremdkörper" entweder der Ignoranz oder auch großer Häme aussetzt. So funktioniert Gleichschaltung!
Allerdings: eine noch so gut gemeinte Ideologie ist kein Ersatz für eine Ästhetik.
Allerdings: eine noch so gut gemeinte Ideologie ist kein Ersatz für eine Ästhetik.
Umso wichtiger sollte sein, dass Verlage (und Förder-Mechanismen des Betriebs) sich weiter ihrer Verantwortung gegenüber der Vielzahl an Spielarten von Literatur bewusst bleiben (und/oder Klarheit ihrer Auswahlkriterien offen legen) und die Literaturkritik sich weiter bemüht, vom Druck der Sozialen Medien weitgehend frei zu bleiben. Beides erfordert immer wieder auch Verzicht auf dortige Sichtbarkeit und auf Harmonie!
Zuletzt sei nicht verschwiegen, dass man es sich in den beschriebenen Strukturen durchaus nett machen kann. Man halte sich einfach an die Gepflogenheiten und Erwartungen, hier und da gemeinschaftliches Mit-Mobben und Mit-Empören inklusive, wedele zur richtigen Zeit per Tweet/Skeet mit dem Fähnchen, das gerade in Sachen Literatur als "Must-have" ausgerufen wird. Und siehe da, schon bald werden ein paar Almöschen auf den eigenen Account herunterpurzeln. Und auf das Almöschen kann dann sogar noch Größeres folgen! (Folglich wird die Wunder-Maschine noch länger weitgehend kritiklos laufen dürfen.)
Vieles gäbe es noch zu sagen, insgesamt verstört uns zutiefst die Entwicklung und Ausbreitung zunehmender, sich extrem kleinkariert gerierender Ideologisierung (in Kombination mit Kommerzialisierung und auf "Vergünstigungen" hoffendem Mitläufertum), hinein in die große, verbindende Kraft und Freiheit der Kunst. Auf Social Media hat immerzu und zwingend ein Jeder und eine Jede eine scheinbar mitteilungswürdige Meinung. Doch muss deshalb auch jede literarische Zeile eine Meinung transportieren?
(Übrigens plädieren wir nach wie vor für subventionierte Literatur-Verlage. In dem Wissen, dass auch das nicht alle Probleme lösen würde. )
P.S.1) Resümieren wir SoMe, fällt uns immer das Märchen "Des Kaisers neue Kleider " ein.
Nur würde auf SoMe das Kind als Sau durchs Dorf gejagt werden ...
P.S.2) Nein, die Begründung für eine eklatante Zunahme an Toleranz-Verlust, Mobbing-Bereitschaft und Herrschaftsansprüchen einer Gruppierung kann NICHT permanent in der erschreckenden Zunahme der AFD oder den noch immer vorhandenen patriarchalen Strukturen gefunden werden. Dadurch ist auf Dauer nichts zu beschönigen oder zu entschuldigen.
P.S.3) Man lese das wunderbare "Haus zur Sonne". Der Protagonist rutscht in eine 2jährige Manie, nachdem er auf Twitter gemobbt wird, weil er einen umstrittenen Autor zumindest teilweise in einem Feuilleton anders beurteilt, als er auf SoMe beurteilt wird. Uns wundert das nicht. (Sorry, natürlich "Sieg der guten Menschen über das Böse!" - nur bei sich selbst, da schauen die vermeintlich Guten höchst ungern.
P.S.4) Es gehöre zur Anpassungsfähigkeit, dies alles notfalls hinzunehmen. So sagte man uns. Wir sollten doch einfach still werden und so tun, als sei nie etwas passiert. Wie unendlich gerne würden wir - falls möglich - die immerwährende Manie wählen, um gar nicht erst in den Ruch zu kommen, auch nur ansatzweise diesbezüglich "anpassungsfähig" zu sein. In 3 Jahren (2029) berichten wir von der vielbeschworenen, angeblich "nicht vorhandenen Cancel-Culture" und anderen Krankheiten, die dem Körper einfallen, um sich vor solchen Fata Morganen zu schützen. Es ist fast lustig, wie weit die in existentielle Realitäten hineinreichen, sogar dahin, wo man gar nie sein wollte, aber gerne die Möglichkeit hätte, es zu tun, wenn man denn wollte ... (das könnte ein neuer Roman werden, nie gedruckt, aber immerhin! Und der Autor wird sich immer die Frage stellen, ob er oder ob DIE verrückt (Oder sehr raffiniert gewesen) sind.)


.jpg)
Kommentare
Kommentar veröffentlichen