Imaginierte Schuhschnäbel
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Es regnete. Nein, es goss in Strömen. Es
kübelte auf mich herab. Mein Schirm, ein Knirps von einem Schirm, wurde schwer von
den Massen an Nass und ich wusste ihn kaum zu halten. So stand ich also im
Regen, der ein Wasserfall geworden war, stand reglos, denn weitergehen, in
diesem reißenden Strom zu meinen Füssen, schien mir zu beschwerlich. Ich stand,
fror, zitterte und hielt meinen sich biegenden Schirm über mich. Woher ihr dann
gekommen seid, weiß ich gar nicht mehr. Du und dein eigenartiges Tier. Du und dein
angeblicher Schuhschnabel. Plötzlich sah ich Euch durch die Regenschwaden in
mein Blickfeld treten, als wäret ihr Schimären, etwas Geträumtes, etwas im Regen
Entstehendes und sogleich wieder Zerfließendes. Ich staunte nicht schlecht
unter meinem schwarzen Knirps. Da liefen ein Mann mit Melone auf dem Kopf und
ein seltsamer Vogel mit eiswassergraublauem Gefieder auf mich zu. Der Vogel
schien sich weder an der silbernen Leine, an der ihn der Mann führte, noch an
den Wassermassen zu stören, denn er stakste seelenruhig auf riesigen Plattfüßen
mit langen Krallen durch den Straßenabfluss, der wie ein reißender Strom
allerlei Abfall mit sich führte. Hin und wieder senkte der Vogel seinen Kopf,
schien mit einem kleinen Haken am Ende seines – an Holzpantinen erinnernden – klobigen
Schnabels etwas zu fixieren, das sogleich in den Schaufeln der Schnabelhälften
verschwand. Dann klapperte er ein triumphales „Hahahaha“ hinterher, das wie
Maschinengewehrsalven oder wie höhnisches Gelächter durch das infernalische
Brausen des Regens zu mir hinüberdrang. Der Mann mit seiner Melone schien
bereits nass bis auf die Knochen, streichelte dennoch nach jedem Bissen des
Tiers stolz über dessen schillerndes Gefieder. „Brav, mein Kleiner, brav.“,
hörte ich dich voller Anerkennung sagen. Auf einmal blieb das Tier, in ungefähr
einem Meter Abstand, vor mir und meinem Schirm wie angewurzelt stehen und
starrte mich mit undurchdringlichem Blick an. So standen wir uns also gegenüber,
du, ich und dein Schuhschnabel. „Verzeihen Sie, Madame …“, sagtest du ein wenig
verlegen in meine Richtung, während die Regentropfen wie kleine Rinnsale über dein
Gesicht liefen. „Wenn er einmal starrt, dann kann das lange dauern. Dürfte ich
also für diese Weile unter Ihrem Schirm ein Obdach finden?“, und schwupps,
schon lag der Schirm nicht mehr in meiner Hand, denn du beschirmtest uns. Die
Szenerie dieser neuen Situation verwirrte mich ein wenig, doch deine
Selbstverständlichkeit und der Blick deines Vogels zogen mich eigenartig in euer
beider Bann. Ich fühlte mich auf einmal vollständiger, als wäret ihr alte
Bekannte von mir, auf die ich unter meinem Schirm - in diesem erbärmlichen
Wetter - gewartet hätte. „Immerhin haben Sie die richtige Größe für einen
Regenschirm-Halter“, sagte ich deshalb ungewohnt sanft in deine Richtung, dich
nun mit zusammengekniffenen Augen begutachtend, die vom Regen schwammen, als
würden Tränen sie reizen. Dein etwas schäbig abgewetzt scheinender Mantel, die
schwarze Hose nass an deinen Beinen klebend, die Socken fein gerippt, die
Schuhe toll, ja, ganz fabelhafte, schöne, handgeschnitzte Treter, die aussahen
wie der Schnabel Deines Vogels. „Schick, nicht wahr“, hast du den Anblick
kommentiert und mich dann sorgfältig untergehakt, damit wir, näher
zusammenrückend, komfortabler unter den Schirm passen könnten. „Nun sind wir
ein wenig unüberlegt zusammengezogen“, hast du gesagt und das klang ganz ernst
und gar nicht ironisch, was die Ironie des Gesagten wiederum verstärkte. „Ja“,
sagte ich, „das ist noch ziemlich ungewohnt für mich“.
„Ihre Nase jedenfalls
passt gut zu uns“, fügtest du dann nachdenklich hinzu und ich errötete, denn
meine etwas breit geratene, dafür kurze Nase, ist nicht wirklich das Hübscheste
an mir. Mein durchnässter Körper begann erneut zu zittern und ich drückte mich
näher an dich, der du nun ein Lied zu pfeifen begannst, eine nach Tanzmusik klingende,
slawische Weise. Der Vogel hüpfte dazu von einem Bein auf das andere und drehte
sich ein wenig schwerfällig um seine Achse. „Sind Sie ein Zauberer?“, fragte
ich, meine Augen müssen geleuchtet haben, denn die Melodie hat mich berührt. Du
hast den Kopf geschüttelt, kurz meinen Arm von dem Deinigen befreit und eine
Bewegung damit gemacht, als strichst du einen Bogen über den Schirmknauf:
„Musiker“. Ungeduldig wartete ich, dass du erneut meinen Arm unterhakst. Ich
fühlte mich wohl. „Pfeifen Sie doch bitte weiter, mir fällt dann das Denken zu einem neuen Text leichter“. Pfeifend näherte sich dein Kopf dem Meinigen, mit leicht gerundetem Rücken bist
du sacht in die Knie gegangen und Schläfe an Schläfe mit dir, lauschte ich deinem
Regenwalzer. Mir kam es auf einmal so vor, als begännen die Regentropfen in
einem zunehmend geordnetem Takt um uns herum auf den Asphalt zu klatschen, so
als wollten sie zu einem Teil deiner Melodie werden. Ein warmer Wind kam auf, der
Schirm entglitt deiner Hand und schwebte davon, das Federkleid des Vogels
bauschte sich um seinen Körper, mit einem seiner riesigen Flügel winkte er uns
zu sich, wir schmiegten uns in seine Daunen und sanft flogen wir bald schon,
hoch oben über der Stadt, dem Regen davon. „Hauptsache ist, wir drei sind aus
dem gleichen Holz geschnitzt“, hast du noch in mein Ohr geflüstert und dann –
endlich – ein ewig währender Kuss. Und wieder ertönte das triumphale
Knattern des Vogelschnabels dazu, sein „Hahahaha“!
So ist es gewesen, damals,
als wir uns kennenlernten und wer uns unsere Geschichte nicht glaubt, den soll
beim nächsten Guss der Schuhschnabel holen.
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