Ich flüstere



"Geister-Villa" am Richardplatz


Ich flüstere, hörst du das, ich flüstere kaum noch verständlich, für dich jedenfalls nicht mehr gut hörbar, in den Raum hinein, diesen Raum, der sich mit jedem Ton meines Flüsterns öffnet, irgendwie in die falsche Richtung hinein verdreht, dieser Raum, der zwischen uns gewachsen ist, seit so vielen Jahren um ein vielfaches angewachsen ist, angewachsen wie der Tumor auf der Haut meiner lieben Katze, auf dieser zarten Haut, die ich nun verteidige, verteidige als sei es die meinige, meine Haut also in der ich stecke, so zart, wie du sie nie angefasst hast, wie du sie nie streicheln wolltest, die Katze nicht, mich schon, aber nicht zart genug, nicht inwendig genug, nur außen, drumherum, auf der Haut, aus der ich nicht fahre, aber aus der heraus ich flüstere, zu dir hinüber flüstere, dir gegenüber stehend, an eine Wand gelehnt, ich hier, du da, auf der anderen Seite, dazwischen dieser Raum, der nur noch mehr anschwillt und aufquillt und sich ausdehnt, dehnt wie der Kaugummi, dieser rosarote Bubblegum, damals zwischen meinen Zähnen, meinen Mädchen-Zähnen, wie der sich dehnen ließ, in den Raum hinein dehnen ließ, um dann zurück in meinen Mund zu schnippen, ganz brav zurück, obwohl zunächst so frech, in diesem Grinsen, dieser Selbstsicherheit meiner Lippen, zwischen denen das rosa Gummi in den Raum hinein sich ausdehnen ließ, dass jeder sehen konnte, ich trau mich was, ich trau mich das, ich spiele hier ein bisschen rum, spiele Pippi, Pippi, die Große, Pippi, ohne Äffchen aber mit Zöpfen und mit einem rosa Gummi zwischen aufgeworfenen Lippen, diesem Mund, der jetzt nur noch flüstert, der vom Trotz der Jahre ganz aufgeweicht ist, diesem Trotz, der gegen die Wand anflüstert, die Wand, die sich hinter deinem Rücken versteckt hat, hinter deinem Rücken versteckt sich deine Wand, wie deine Brust sich hinter verschränkten Armen versteckt, nichts an sich heran lässt, auch mein Flüstern nicht, das erst recht nicht, da prallt mein Trotz ab, wie ein Echo prallt da mein Trotz ab, kommt zu mir zurück, das Echo, wie ein geworfener Bumerang, kommt zurück zu mir, du nicht, nur ein Echo aus meinem Trotz und das Flüstern verwandelt sich in einen Ton, der Ton wird zu einem Wurfstock, ein Wurfstock wie ein helles Geschoss, das schießt nun los, schießt los in deine Richtung, ganz gezielt, dieser Ton, geflüstert zwar, doch gezielt geflüstert, nicht wie zuvor so dahingehaucht, sondern klar artikuliert als Tönen, tönendes Flüstern von mir zu dir, den Raum zerschneidend, teilend als Wurfstock, der hat eine spitze Spitze, die bleibt nun stecken in der Wand, in der Wand, ganz nah an deinem unbewegt blickendem Gesicht vorbei, denn du verstehst ihn nicht, den hohen Ton, er ist ja auch kaum verständlich, der Ton nicht, das Flüstern nicht, aber der Trotz schon, der Trotz gegen diese Unterwerfung, die Unterwerfung durch den Raum zwischen uns, der immer größer wird, der anschwillt, der zu einer Geschwulst gewachsen ist, in riesenhaftes Ausmaß abgleitet, dieser Raum, den sich die Zeit unterworfen hat, den uns die Zeit gestohlen hat, die Zeit und der Raum, ein Bündnis gegen unsere Liebe, ein Bündnis und ein Raum, in dem die Zeit nistet, waltet, schaltet, gegen dich, gegen mich, gegen uns, ungefragt, ungebeten, uns als Paar diesem Raum, dieser Zeit unterworfen hat, dieser riesenhaft anmutende Raum zwischen uns, den ich nun, hingeflüstert, hingerotzt in meinem Trotz zu redigieren suche, mit einem Flüstern, einem nicht verstehbaren Flüstern, das kaum verstanden werden kann, doch das Flüstern, das ist die einzige Möglichkeit, die mir, die uns, die dir und damit auch der lieben Katze noch bleibt, es bleibt doch nichts als das, als die Störung, als dieses trostlos Trost suchende Geflüster in diesem riesenhaft verschlingenden Raum, der zwischen uns geistert, vollkommen unüberbrückbar wird, da bleibt doch nur noch die Rebellion, der Trotz, mein Trotz gegen die Akzeptanz des scheinbar Unabwendbaren, da bleibt doch nur der Flüsterton, die Flüstertüte als Hoffnung auf Mysterien, als Beschwörung einer sterbenden Liebe, einer Liebeserinnerung, eines Flehens, eines Gebets im sich ausdehnenden Raum, auch wenn ein Flüstern aus verlorenem Posten entsteht, das Flüstern kennt nur die, die das Flüstern flüstert, die das Flüstern in diesen Raum schmeißt, der andere hat in diesem Flüstern kein Mitspracherecht, er versteht einen Ton oder er versteht ihn nicht, den geflüsterten Ton, oder vielleicht bekommt er einen Fetzen zu packen, einen Flüster-Fetzen, vielleicht, zu fassen und dieser kleine Rest des Flüsterns erhält einen Namen, einen Namen für den Verlust, für das Unüberwindbare, das Flüstern ohne Wiederhall sozusagen, ich erwarte doch kein Echo aus deinem Mund, lange schon, lange erwarte ich kein lebendiges Echo, das kann ich gar nicht, das kann nur die Wand, die Wand hinter dir, aber nicht ich, nicht mehr und du stehst an deiner Wand und zwischen uns ist dieser entsetzliche Raum, zu meinen Füßen die Katze, ich will weiterflüstern, meinen Trotz weiter rausflüstern, wie einen Wurfstock, so spitz und du lächelst und dein gereckter Zeigefinger berührt deine Lippen, so sachte, so klar: psst!

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