Leseprobe III (#BOOK!)
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Paul Klee, Deutsche Stadt, @CC |
(Kapitel-Auszug aus #BOOK!: Die Psychotherapeutin Klara und Golo, der Maler, prallen auf Twitter quasi ungewollt aufeinander und Klara, die sich fast ein Jahrzehnt hindurch vor neuen Eindrücken und Erfahrungen geschützt hat (in einer selbst gewählten Isolation), ist durch Golo in große, innere Aufregung geraten, da er ihre charakteristischen Augen als Modell für eines seiner Bilder genutzt hat.)
*
Das Städtchen hinter Klaras Brust ist in wildem Aufruhr. Klara liegt noch immer auf ihrer Chaiselongue, fast so, wie sie es sich von ihren Klienten wünschen würde, still, gesittet und erstarrt, doch in ihrem Innen tobt ein Sturm der Empörung, der dennoch nach Erneuerung zu lechzen scheint. Das Städtchen ist in den letzten Jahren, genau genommen beginnend mit dem Tag, an dem Klaras Gedanke, von einem schattenhaften Geschehen materialisiert, in das zuvor lebendige Treiben brach, zu einem Hochsicherheitstrakt umgebaut worden, die Häuschen liegen hinter Mauern und Stacheldraht, Wachtürme ragen in den Himmel empor, installierte Seismographen filtern minimalste Begebenheiten, Geräusche, Bewegungen aus einem durchstrukturiert wirkenden Knast-Alltag, in dem einige der inneren Personen keinen Laut mehr von sich geben durften, sonst drohte die alles zusammenhaltende Gefängnis-Direktorin mit Isolationshaft hinter meterdickem Zement. Nun aber wirbelt ein Sturm durch den Gebäudekomplex, der Zaun wird an einigen Stellen so niedergemetzelt, dass plötzlich ein inneres Kind durch eine entstehende Lücke krabbelt und „Hurra“ zu schreien beginnt. Fenster, bis dato vergittert, sind plötzlich mit aufgerissenen Läden sperrangelweit geöffnet, im Fensterrahmen erscheinen diffuse Gestalten, schütteln Kissen aus, recken ihre Glieder in die Luft oder halten die flache Hand über ihre Augen, um nach etwas Ausschau zu halten, was diesen Zustand aus lebendigem Chaos verursacht haben könnte.
Der innere Vater schreit sich die Kehle heiser und möchte den Alarm anwerfen, wird aber hinterrücks von der Mutter gehindert, „ein wenig Luft tut uns doch allen gut!“, seufzt sie in seine Ohren, derweil schmachtet ein junges Mädchen in einem wunderhübschen, transparent leichten Stöffchen am zarten Körper, träumerisch schaukelnd in einer Hängematte, indem es seinen Blick auf ein geöffnetes Medaillon gerichtet hält und seine Augen in das fotografische Antlitz von Golo, dem großen, großen Maler, versenkt.
Eine Gouvernante öffnet eine quietschende Haustür von innen, zieht die Augenbrauen in Richtung Haaransatz eines streng nach hinten gekämmten Dutts, straft das verrostete Schloss mit eisigem Blick, der danach dem Mädchen gilt. Sie klatscht energisch dreimal in die Hände, das Medaillon wird zugeklappt und das Mädchen verschwindet schmollend, hinter der Gestalt der Gouvernante, im Haus. Ein lebender Zinnsoldat zückt sein Schwert, mit rollenden Augen auf das Treiben schauend, wedelt damit gar schrecklich in der Luft herum und brüllt zum Vater: „Zu Befehl, Herr Kommandeur“.
Das innere Kind in Klaras Städtchen schlägt inzwischen juchzend Purzelbäume auf einer Wiese, die eben noch einem, von Pflastersteinen beschwerten, Innenhof glich. Ein Brausen in der Luft lässt Krähen schreiend emporflattern, ein sich liebkosendes Tauben-Paar gurrt hämisch hinter ihnen her. Auf der Wiese, die aus dem Gefängnishof gewachsen, erscheint aus dem Nichts ein grauer, magerer Wolf, reckt seine Schnauze gen Himmel und sobald liegt über dem Städtchen, hinter Klaras Brust, ein langgezogener, dunkler Ton, der von Sehnsucht, Tod und Liebe spricht.
Nein, Klara ist nicht zu beneiden um dieses Tohuwabohu und es wird wieder einige Zeit verstreichen müssen, bis sie eine neue Ordnung in ihrer Seelenwelt geschaffen hat, um mit der unglaublichen, ihr Sein zutiefst erschütternden Erkenntnis umgehen zu können, dass Golo, der Maler, sie ihrer Augen beraubte. Und doch liegt in dieser Erkenntnis eben auch das, was vermutlich die größte Gefahr an der ganzen Sache ist, nämlich eine sehr verführerische Süße, die zudem noch von dem Wissen um die Macht eingelullt wird, die in ihren Augen liegt.
Nein, Klara ist nicht zu beneiden um dieses Tohuwabohu und es wird wieder einige Zeit verstreichen müssen, bis sie eine neue Ordnung in ihrer Seelenwelt geschaffen hat, um mit der unglaublichen, ihr Sein zutiefst erschütternden Erkenntnis umgehen zu können, dass Golo, der Maler, sie ihrer Augen beraubte. Und doch liegt in dieser Erkenntnis eben auch das, was vermutlich die größte Gefahr an der ganzen Sache ist, nämlich eine sehr verführerische Süße, die zudem noch von dem Wissen um die Macht eingelullt wird, die in ihren Augen liegt.
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